Das Münchener Startup Bernstein.io hat einen Service entwickelt, mit dem das sichere und verschlüsselte Ablegen von sensiblen Dokumenten noch einfacher wird. Das vierköpfige Team um Marco Barulli möchte damit den lästigen Gang zum Notar überflüssig machen. Patente, NDA´s oder technische Zeichnungen können einfach hochgeladen, verschlüsselt und mit einer Transaktion auf der Bitcoin-Blockchain unveränderlich abgelegt werden. Das digitale Versiegeln und Einfrieren eines Entwicklungsstandes wird damit für Innovatoren aus aller Welt zu einem attraktiven, weil zeitsparenden Tool. Die Gründer scheuen keine Coopetition mit klassischen Notariaten: Diese können den White-Label Service auch unter eigenem Namen direkt an ihre Kunden weitergeben.

xyarena hat mit Jean-Maxime Riviere, dem Business Developer von Bernstein.io gesprochen. Wir geben Einblicke in die Gründungsgeschichte, den Service, und die Zukunft dieses neuen Geschäftsmodells:

Quelle: Bernstein Product Deck, Juli 2017

Wann wurde Bernstein.io gegründet?

Am 29.09.2016

Wie habt ihr als Team zusammen gefunden?

Bernstein ist als Spin-off von Clipperz Online Password Manager während der Accelerator-Phase bei Wayra gestartet. Sowohl Wayra´s als auch Marco´s Netzwerke wurden genutzt, um die jetzigen Team-Member für das Projekt zu begeistern.

Ist eure Company eigenfinanziert oder habt ihr schon Investoren oder Kreditgeber?

Bis jetzt ist die Firma zum Großteil eigenfinanziert. Aber wir bereiten eine Seed-Finanzierungsrunde gegen Ende des Jahres vor.

Wie groß schätzt ihr den Markt für „Timestamp basierte Zertifikate“ (allgemein gesprochen für NDA´s, Patente u.ä.)?

Mit unserem Service zielen wir auf Millionen von Innovatoren, die weltweit neue Geschäftsideen, Technologien oder wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbringen. Wir schätzen diesen Markt auf 3,5 Milliarden Dollar.

Aus welchen Industrien und Ländern stammen eure Kunden?

Bis jetzt haben wir vor allem deutsche und schweizer Kunden, aus der Rechtsbranche (Anwälte und Kanzleien), der Biotech-Industrie und Innovation-Hubs.

In welchen Industrien und Ländern seht ihr das größte Wachstumspotenzial in den kommenden fünf bis zehn Jahren?

China, eines der innovativsten Länder der Welt, steht definitiv ganz oben auf unserer Liste. Den ersten Schritt in diese Richtung haben wir bereits letzte Woche mit dem Launch unserer ins Chinesische übersetzten Webseite gemacht. Japan und Südkorea werden bald folgen. Den Fokus auf Kanzleien werden wir auch weiter beibehalten, da sie die besten Voraussetzungen mitbringen, unseren Service wert zu schätzen und zu verstehen, aber auch direkt davon profitieren können, sobald sie die Dienstleistung an ihre Kunden weitergeben.

Wie würdest du das Alleinstellungsmerkmal beschreiben? Was macht euren Service einzigartig und was sichert euch den Vorsprung vor möglichen Wettbewerbern (nicht nur aus der „old economy“)?

Unser Alleinstellungsmerkmal sichern ist der Komfort. Alles was wir anbieten, könnte unabhängig voneinander erledigt werden. Jeder kann zum Notar gehen, seine Dokumente beglaubigen und mit einem Zeitstempel versehen lassen (ganz klassisch, wie früher) oder eine öffentliche Blockchain dafür nutzen. Indem wir unbegrenztes, versioniertes Speichern, starke Verschlüsselung, eine drag-and-drop Applikation und one-click Zertifizierung anbieten, ist das für unsere Kunden so einfach und direkt machbar, dass sie nicht von ihrer eigentlichen Arbeit, dem Schaffen von Innovationen, abgelenkt werden.

Bernstein´s Service bietet also ein Paket: einfaches Uploaden, automatisierte Verschlüsselung und Fingerprints für die Files. Wie wird sichergestellt, dass die formalen Voraussetzungen erfüllt werden – wenn die Kundendaten zwecks Geheimhaltung nicht geprüft werden – sodass ein Kunde einen Patentstreit vor Gericht in jedem Land gewinnen würde?

Das ist richtig, wir überprüfen die Dateien der Kunden nicht und gewährleisten daher auch für keinerlei gesetzliche Vorgaben. Im Falle eines Rechtsstreits kann der mutmaßliche Patentverletzer sich selbst verteidigen, sofern er einen überzeugenden Beweis von seinem vorherigen Wissen oder seiner Anwendung erbringen kann. Wir bieten die Plattform für leichtes Zertifizieren von Eigentum, Existenz und Anwendungen, aber es bleibt dem Kunden überlassen, seine Nachweise dafür klug auszuwählen. Indem der gesamte Prozess verschlüsselt und der Speicherplatz unlimitiert ist, möchten wir unsere Kunden dazu anregen, so viele Daten wie möglich zertifizieren zu lassen, sodass sie die besten Voraussetzungen für den Fall eines Rechtsstreits bekommen.

Wo genau zieht ihr die Grenze zwischen „Rechtsberatung“ und „notariellem Zertifizierungsservice“?

Wir sind weder noch! Beide Begriffe haben strenge rechtliche Bedeutungen.

Gibt es bereits einen Case, in dem Bernstein Zertifikate genutzt wurden um das Recht an geistigem Eigentum zu beweisen?

Bis jetzt nicht!

War Bernstein in dem Open-Source Projekt IPFS involviert?

Nein. Wir prüfen gerade nur die Option, IPFS oder andere Content adressierbaren und dezentralisierten Speichertechnologien der Zukunft in unseren Service zu implementieren.

In welchem Land befinden sich Bernstein´s Cloud Storage Server?

Aktuell nutzen wir standardmäßig die Server von Amazon Web Services in Frankfurt.

In dem Fall kann man also von einem „zentralisierten“ Cloud Dienst sprechen?

Genau, diese Server sind in der Tat zentralisiert. Deshalb prüfen wir auch die IPFS-Alternative, um eine denzentralere Speicheroption anbieten zu können.

Welche Cloud-Lösung empfehlt ihr euren Kunden? Oder speichern sie die verschlüsselten Dateien lieber auf ihren eigenen Servern?

Diese Entscheidung liegt komplett beim Kunden. Dank der Plattform-unabhängigen Natur des Bernstein Protokolls, kann der Service den individuellen Bedürfnissen angepasst werden. Manche Kunden bevorzugen es, die Dateien auf ihren eigenen Servern zu speichern, andere wollen dezentrale Speichermöglichkeiten nutzen und einige wählen die komfortabelste Standardvariante, mit der die Dateien ja genauso verschlüsselt abgelegt werden.

Um einen unveränderlichen Fingerprint mit den verschlüsselten Dateien zu verknüpfen, wird eine Bitcointransaktion ausgeführt. Wie wird der Zeitstempel der Transaktion mit dem unveränderlichen Datensatz verknüpft?

Das ist korrekt. Der Fingerprint von einem Projekt oder einem Datensatz ist der Hash der Transaktion (welcher per Definition ja unique für das Dokument ist). Auf der Bitcoin Blockchain wird dann eine Multi-Signatur Transaktion ausgeführt.

Jede Bernstein Transaktion erzeugt ein 3-von-3 Multi Signaturen Output für die folgenden Adressen:

  1. Die Eigentümer Adresse: Die Adresse, die mit der Kundenorganisation verknüpft ist, welcher der Bernstein Account gehört.
  1. Die Projektdaten Adresse: Das ist die Adresse, die von dem Hash abgeleitet wird, der zu dem Datensatz des Projektes erzeugt wurde.
  1. Die notarielle Bernstein Adresse: Das ist die gemeinsame, organisationsspezifische Adresse von Bernstein und der Projektadministration des Kunden.

Mit der Projektdatenadresse kann nachgewiesen werden, dass die betreffenden Dokumente in ihrer exakten Form ab dem Zeitpunkt der Transaktion existieren (Nachweis, Vollständigkeit). Und mit der Eigentümeradresse, deren Private Key nur der Nutzer kennt, kann er nachweisen, dass er zu diesem Zeitpunkt die Kontrolle über diese Dokumente hatte (Eigentumsnachweis).

Wenn wir mal einen exemplarischen Case für ein Softwarepatent betrachten: Würde nicht schon eine gut gepflegte Versionsverwaltung in einem GIT ausreichen, um den Ursprung eines bestimmten, wertvollen Code-Elements nachzuweisen?

Ein gut gepflegtes GIT könnte vor Gericht durchaus einen Wert haben. Die Gültigkeit der Zeitstempel und die Unveränderlichkeit, ist jedoch nur so belastbar, wie das Vertrauen in den zentralisierten Server und die Leute dahinter.

Vielen Dank Jean-Maxime, für das Gespräch!
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